Sicherheitspolitische Bildung

Operation Libelle

03.07.2018, von Patrik Eberwein, Weibersbrunn

Mit Brigadegeneral a.D. Henning Glawatz konnte unser Kreisvorsitzender Major d.R. Patrik Eberwein den Leiter der Einsatztruppe „Operation Libelle“ zu unserem Sicherheitspolitischen Informationsabend am 03. Juli begrüßen. Der Schusswechsel der sich während dieser Evakuierungsoperation in Tirana ereignete, gilt als erstes Gefecht deutscher Soldaten seit dem 2. Weltkrieg.

General Glawatz war 1997, damals noch als Oberst, eingesetzt als Chef des Stabes und nationaler Befehlshaber des deutschen Kontingentes der SFOR in Rajlovac (Bosnien-Herzegowina).

Überhaupt nichts mit diesem SFOR Einsatz zu tun hatten Ereignisse in der ca. 350 KM südlich gelegenen Republik Albanien. Hier kam es vermehrt zu gewalttätigen Aufstände, die öffentliche Ordnung brach zusammen, der Flugplatz der Stadt Tirana konnte nicht mehr angeflogen werden und die im Land verbliebenen ausländischer Staatsbürger saßen fest und waren in Lebensgefahr.

Oberst Henning Glawatz bekam wenig von diesen Ereignissen in Albanien mit, da er in seiner Rolle im SFOR Einsatz eigentlich genug gefordert war. So wurde er am 13. März 1997 um 18.15 Uhr ganz unverhofft vom Auswärtigen Amt über die genaue Lage in Albanien informiert und vorgewarnt, dass er evtl. mit einer Evakuierungsoperation in Albanien betraut werde. Ab diesem Zeitpunkt liefen erste Überlegungen / Planungen zur Operation Libelle an. Später am Abend bekam er dann den offiziellen Auftrag „GECONSFOR(L) evakuiert auf Befehl deutsche Staatsbürger und Staatsbürger anderer Nationen aus dem Großraum TIRANA“.

Bereits am nächsten Tag um 16.09 Uhr ist der Auftrag ausgeführt und der letzte Hubschrauber verlässt mit allen zu Evakuierenden die Stadt Tirana.

Beeindruckt waren die Zuhörer dieses Vortrages was alles in diesen weniger als 24 Stunden geplant und organisiert wurde. Und alles ohne die modernen Kommunikations- bzw. Führungsmittel der heutigen Zeit (kein Handy, kein Internet, keine E-Mails, o.ä.), und außerdem mit einer kurzfristig für diese Operation zusammengestellten Truppe, die keine Zeit mehr zu einem „Vorüben“ des Einsatzes hatte.

Im Rahmen der Vorbereitung der Operation hatte Oberst Glawatz keine Ahnung was ihn in Albanien erwartet, auch die Zahl der zu Evakuierenden war dabei unklar. Viele Fragen musste er sich stellen und „einen Plan ins Ungewisse fassen – es war ein Arbeiten mit Annahmen“:

  • Wieviel Transportkapazität wird benötigt (Hubschrauber)?
  • Wie lange dauert diese Operation, nur wenige Minuten oder evtl. sogar mehrere Tage?
  • Wieviel eigenes Personal (Sicherungstruppe + Sanitätssoldaten), Munition und Verpflegung wird dann dazu benötigt?
  • Wieviel eigenes Personal (Sicherungstruppe + Sanitätssoldaten), Munition und Verpflegung wird dann dazu benötigt?
  • Wie kommunizieren wir mit den Entscheidungsträgern in Deutschland, wie bekommen wir Lageänderungen mit?
  • Wieviel Munition, wieviel Verpflegung sollen wir mitnehmen?
  • Es lag auch erst mal kein Kartenmaterial von Albanien vor und „Google Maps“ gab es noch nicht.
  • Welche Flugroute soll genommen werden – bei einem direkten Flug wird der Treibstoff sehr knapp und bei Gegenwind könnte es sogar sein, das der Treibstoff gar nicht ausreicht?! Optimal wäre eine Zwischenlandung mit Betankung in Podgorica, der Hauptstadt von Montenegro (das musste aber auch erst geklärt werden da es sich dann um in einem weiteren Land handelte in dem Zwischengelandet und Betankt werden soll).

Diese Ganzen Fragen musste sich Glawatz und sein Planungsstab innerhalb kürzester Zeit beantworten und dann einen Entschluss zum weiteren Vorgehen fassen.

Parallel dazu fanden Abstimmungen zwischen den Entscheidungsträgern in Deutschland mit anderen Nationen statt. Denn auch die wollten ihre Bürger evakuieren und damit es kein durcheinander gab, mussten hier auch Zeitfenster koordiniert werden, welche Nation wann „seine Bürger“ rettet.

Der S6 StOffz von Oberst Glawatz plante mit Funkwiederholern in einer Transall die Kommunikation mit Deutschland aufrecht zu halten, als Redundanz zu diesen Funkwiederholern in der Luft wurde die Fregatte Niedersachsen ins Seegebiet westlich Albanien verlegt. Notfalls hätte man auch über diesen Weg kommunizieren können.

Am nächsten Morgen ab 07.00 Uhr war die Einsatztruppe von Oberst Glawatz aus dem SFOR Kontingent herausgelöst, es war dann also eine rein nationale Operation und um 07.30 Uhr starteten sechs CH53 Transporthubschrauber in Bosnien-Herzegowina mit 89 Soldaten zur Operation Libelle.

Es wurden Zwischenstopps in Dubrovnik und Podgorica gemacht. Zwischenzeitlich ist der deutsche Militärattaché von Albanien zugestiegen, der glücklicherweise grade in Deutschland Urlaub machte und über die notwendigen Kontakte und Ortskenntnis in Albanien verfügte. Außerdem brachte er aus Deutschland diverses altes Kartenmaterial aus NVA Beständen über den geplanten Einsatzraum mit.

Mittlerweile gab es auch eine Lageänderung, da amerikanische Hubschrauber angeblich mit Raketen beschossen wurden, brachen die Amerikaner ihre eigene Evakuierungsoperation ab. Somit konnte der eigentliche Aufnahmepunkt, die US Botschaft in Albanien auch nicht mehr angeflogen werden.

Mit dem deutschen Botschafter in Albanien wurde deshalb das Flugfeld in Lapraka als alternativer Aufnahmepunkt verabredet, den die sechs CH53 jetzt anflogen.

Der Botschafter hatte den Auftrag die zu Evakuierenden dort in vier „30er Päckchen“ auf dem Flugfeld zu gruppieren, damit es kein durcheinander beim Aufsitzen in die Hubschrauber gab. Es sollte jedes „30er Päckchen“ in einen anderen Hubschrauber aufsitzen. Schon aus der Luft sah man, dass es keine geordneten Päckchen gab, sondern dass auch Einheimische völlig unkoordiniert dazwischen rumliefen.

Die Hubschrauber sollten immer nacheinander auf dem Flugfeld landen, es sollte also immer nur einer am Boden sein. Es gab auch einen genauen Plan welcher Soldat beim Hinflug in welchem Hubschrauber sitzt und welcher Soldat beim Rückflug für welchen Hubschrauber eingeplant ist.

Als der erste Hubschrauber landete und die Sicherungskräfte einen Sicherungsring aufbauten, konnte mit der Evakuierung begonnen werden.

„Rings rum hörte man überall Schüsse, so als ob auf einem Übungsplatz auf allen Ständen geschossen wird. Wir selbst wurden zuerst nicht beschossen. Mitten in der Aktion aber fuhr plötzlich ein weißer gepanzerter Wagen mit Schießscharten, ähnlich eines Geldtransporters, durch die Menge und feuerte wie wild um sich“.

Da Oberst Glawatz durch den Lärm nicht mehr mit Stimme führen konnte, schoss er als „Feuerkommando des taktischen Führers“ auf dieses Fahrzeug („das kürzeste Feuerkommando ist der Schuss“). Als seine Soldaten mit Maschinen- und Sturmgewehren auch das Feuer aufnahmen, suchte dieses Fahrzeug das Weite. Dieses Fahrzeug wurde Wochen später mit etlichen Einschusslöchern gesichtet.

Als letzter Mann verließ Oberst Glawatz im letzten Hubschrauber die Evakuierungszone. Insgesamt waren die deutschen Soldaten 29 Minuten „on Ground“. Gerettet wurden 99 Personen aus 23 Ländern.

Dass dies alles so funktionierte hing zum großen Teil an der Entscheidungsfreiheit des Führers vor Ort („Auftragstaktik“), Oberst Glawatz und sein Stab hatten völlige Entscheidungsfreiheit und konnten so innerhalb kürzester Zeit lageangepasste Entscheidungen treffen – aber ein Quäntchen Glück war natürlich mit für den Erfolg verantwortlich.

Erstaunlich war für die Zuhörer dieses Vortrags, wie schon erwähnt, das alles – die erste Information des Auswärtigen Amtes, die Planung und die eigentliche Operation - spielte sich in weniger als 24 Stunden ab. Als die Soldaten zurückkamen, waren sie insgesamt 36 Stunden ohne Schlaf und körperlich am Ende, aber stolz auf das Vollbrachte!

Bild: Foto: Winfried Stecher

General Glawatz erhält als Dank für seinen interessanten Vortrag das Wappen der Kreisgruppe