Krisenregion Pakistan-Afghanistan
Militär-Strategen und Politikern bereitet Pakistan gelegentlich schlaflose Nächte: Das erst 1947 gegründete Land, das als muslimischer Teil des alten britischen Vize-Königreichs Indien sich von dem hinduistischen Teil Indiens löste, hat nach westlichem Staatsverständnis trotz des Namens Republik Pakistan keine funktionierende und demokratische Regierungsform. Es heißt, dass 20 Familien = Clans die Führungsschicht im Staat stellen. Nur das Heer, deren Führung noch überwiegend in Großbritannien ausgebildet ist, stellt gegen diesen „oligarchischen Regierungsklingel“ ein Gegengewicht, was schon viermal zu Militärputsch mit anschließender Militärherrschaft geführt hat.
Da die Pakistani keine Demokratie in echter Form erlebt haben, hat die Armee den Eindruck vermittelt, dass die Korruption bei den zivilen Regierungen keinen Platz in Militär-Regierungen findet. Aber auch das Militär braucht Geld und Waffen aus dem Ausland, vor allem aus den USA; Aber da die Armee straff geführt wird und sich durch schneidige Disziplin auszeichnet, wird sie als Ordnungsmacht vom Volk akzeptiert. Auch können in der Armee fähige Nachwuchskräfte Karriere machen, wenn sie nicht zu den Clans gehören.
Trotzdem ist Pakistan zum komplizierten und gefährlichsten Krisenherd Asiens aufgestiegen. Armut in der breiten Bevölkerung, Unterentwicklung und Misswirtschaft bilden den Resonanzboden, auf dem Terrorismus sich ausbreitet. Den Eliten des Landes ist es nicht gelungen, effektive Wirtschaftsreformen durchzuführen – obwohl die USA allein Investitionen von 7,5 Mrd. Dollar getätigt haben. Im Rahmen einer Unterstützungskonferenz in Tokio haben 40 Staaten über 40 Mrd. US-Dollar an Hilfsgelder zur Stabilisierung Pakistans zugesagt, wobei sich die USA und Japan mit jeweils mehr als einer Milliarde $ beteiligt haben. Die Hilfsgelder sollen über einen Zeitraum von vier Jahren gestreckt werden und einer strengen Kontrolle bei der Verwendung vor Ort unterliegen.
Pakistan ist zwar ein muslimischer Staat, aber die religiöse Bindung ist längst nicht so stark wie die Bindung an ethnische Gruppen. So ist die Grenzregion zu Afghanistan auf beiden Seiten von Pashtunen bewohnt – in Pakistan sind ca. 20 % der Gesamtbevölkerung – die sich auch über die Grenzen hinweg unterstützen. Sie stellen nur einen kleinen Teil der Taliban, aber sie gewähren Pashtunen Unterschlupf, ohne nach der politischen Linie zu fragen. Und da die Versorgungswege der ISAF von der pakistanischen Küste bei Karatschi über den Khyber-Paß nach Kabul laufen die Pashtunen die US-Streitkräfte überwiegend als ungeliebte „Besatzungsmacht“ sehen, werden die Versorgungskolonnen immer wieder überfallen. Über den Khyber-Paß laufen fast 75 % des US-Nachschubs. Im Dezember 2008 wurde von ca. 200 Pashtunen ein Logistik-Stützpunkt bei Peshavar angegriffen, und 100 Lkws wurden zerstört. Wenn zur afghanischen Präsidentenwahl die dortigen US-Truppen um 7.000 Mann verstärkt werden soll, wird die Versorgungslage noch schwieriger werden.
Das US-Militär-Kommando in der Region ist für die Führung der Truppen in Pakistan und Afghanistan verantwortlich, denn es handelt sich nach US-Auffassung um einen gemeinsamen Kriegsschauplatz. Und nachdem deutsche Soldaten auch schon in Pakistan Gegner tötlich getroffen haben, werden auch wir die beiden Staaten als gemeinsames Risiko-Gebiet einstufen müssen.
Als Hauptgegner sieht die pakistanische Armee immer noch Indien an, mit dem sie in einem dauernden Kashmir-Konflikt seit 1947 sich bewähren muß. Beide Seiten haben rechtliche Argumente für den Anspruch auf das Gebiet. Immer wieder entwickeln sich die Spannungen zu Kampfhandlungen, für die sich keine Lösung abzeichnet. Beide Staaten haben keine Erfahrung mit großflächigen Kriegen. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass beide ihre Kernwaffen einsetzen. Rund hundert Raketen mit nuklearen Sprengköpfen, verbessert mit nordkoreanischer Hilfe, hat Pakistan. Gefährlicher ist aber, dass derartige Raketen in die Hände von Taliban oder al Qaida fallen. Es heisst zwar, dass die Amerikaner die Raketen vorher aus Pakistan herausholen würden, aber wie?
US-Präsident Obama hat die Präsidenten Karsai von Afghanistan und Ali Zardari aus Pakistan zu einer Abstimmung über das weitere Vorgehen gegen den gemeinsamen Feind Taliban zu sich gebeten. Als Ziel sieht er die militärische Zerschlagung der revolutionären Taliban mit nachfolgender intensiven Hilfe beim wirtschaftlichen Aufbau in beiden Staaten. Zur Vorbereitung der Gespräche hatte Pakistan eine Großoffensive gegen die Taliban gestartet, nachdem sie im Swat-Tal an der Grenze zu Afghanistan mit Duldung von Präsident Ali Zardari dort die Macht übernommen hatten.
Das Ergebnis waren bisher mehrere 100.000 Flüchtlinge aus den Kampfgebieten. Präsident Karsai hatte schon vor Wochen angeboten, „gemäßigte Taliban“ an der Regierung in Kabul zu beteiligen – ohne Ergebnis.
Die Krisenregion Afghanistan hat sich also nach Osten ausgedehnt. Wir können nur hoffen, dass die Soldaten der Bundeswehr nur in Grenzen davon betroffen werden.
In diesem Sinne
Ihr
Dietrich Pohlmann
Berater für die Sicherheitspolitische Arbeit der Landesgruppe Bayern im VdRBw e.V.
von: Dietrich Pohlmann
Letzte Änderung am: Donnerstag den 21. Mai 2009